Purkersdorf Forum Archiv 2002
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Karl Berger ® sagt am 29.06.2002 11:24:Nächster Beitrag

Schulnoten-Meinungsbild


Beim Meinungsbild meinen zur Zeit etwa 43% der AntworterInnen sie fänden, Noten seien sinnvoll, weil sie auf die Leistungsgesellschaft vorbereiten. Ich finde dabei zwei Aspekte überlegenswert: 1. Bereiten Noten wirklich sinnvoll auf das, was unsere Kinder im Leben erwartet , vor? Und 2. Ist es überhaupt sinnvoll sich an die »Leistungsgesellschaft« anzupassen? Dazu schreibe ich jetzt nix, sonst wirds zu lang.
Zu 1. Noten haben in der Schule mehrere Funktionen. Sie dienen einerseits der Information der Kinder, wo sie im Vergleich einerseits zu den MitschülerInnen, andererseits gegenüber abstrakten Lehrplannormen in einzelnen Bereichen stehen. Andererseits sind sie Informationen für die Eltern. Weiters werden die Kinder durch Noten sortiert: z.B. wer eine Klasse wiederholen muss, wer ins Gymnasium gehen soll, in welche Leistungsgruppe ein Kind kommt, usw.
Dabei wird auf individuelle Entwicklungsgeschwindigkeiten und andere individuelle Eigenheiten keine Rücksicht genommen. Alle Kinder einer Klasse sollen sich zur selben Zeit für den gleichen Lehrstoff interessieren, sollen einen genormten Wissenstand erwerben, und die Fähigkeit haben, dieses Wissen in bestimmten genormten Prüfungssituationen in ganz bestimmter genormter Form wiederzugeben. Dabei wird relativ viel »Lehrstoff« in die so formal gleichgeschalteten Köpfe hineingepresst, dort soll es bis zur entsprechenden Prüfung haften bleiben, und wird danach – meist ohne nachhaltige Spuren zu hinterlassen – wieder ausgeschieden.
Der Zwang Noten zu geben, fördert also keineswegs die individuelle Entwicklung der Kinder, vielmehr wirkt er normierend. Er kann auch die Leistungsfähigkeit nicht erhöhen, denn Fähigkeiten, die man sich, nur um schlechte Noten zu vermeiden angeeignet hat, bleiben nicht haften, darüber gibt es genügend Studien. Die Kreativität der Kinder wird durch dieses benotete Normsystem eingeschränkt, und die Kinder werden animiert sich auf Basis eines simplen Beurteilungssystem von 1 bis 5 selbst und gegenseitig zu bewerten. Diese hierarchische Beurteilung von »sehr gut« bis »ungenügend« wird fest in den Köpfen und Herzen der Kinder verankert und wird sie ein Leben lang begleiten.
Diese Noten beschreiben nichts, sie sind Urteile. Sie sind weder für die Beschreibung der komplexen Persönlichkeit von Kindern und ihr Verhalten geeignet (also als Informationssystem völlig unzureichend) noch sonst eine Hilfe für die Erfassung der Wirklichkeit. (Wie oft begegnen wir in Fragebögen diesem unsäglichen: Beurteilen sie dieses oder jenes von 1-3 oder von 1-5 entsprechend den Schulnoten – geisttötende Versuche die vielschichtige Wirklichkeit in kleine Trottelsysteme einzufangen)
Wenn dieses Notensystem auf etwas vorbereitet, dann auf eine System unkreativer, streng normierter, unsolidarischer Arbeit, mit starker sozialer Differenzierung, also einem fordschen Fließbandarbeitsmodell, dass zumindest in unseren Breiten vom Aussterben bedroht ist. Eigenschaften, die wir in der heutigen (Arbeits)welt brauchen werden dadurch sicher nicht gefördert, und wie die Welt aussieht, in der sich unsere Kinder bewähren müssen, können wir heute sowieso nicht sagen. Aber sehr wahrscheinlich wird es besser sein, wenn ihre Kreativität, ihre Emotionalität, ihr Selbstbewußtsein, ihre Offenheit, ihre Lernfreude und ihre Teamfähigkeit gefördert wird. Wer glaubt im Ernst, dass dies durch die Regelschule, und insbesonders durch die Aburteilung und Sortierung durch Noten geschieht?
Da die Schule ein System ist, in der alle Beteiligten gemeinsam an einem Ziel arbeiten, kann der Erfolg der Aufgabe Kindern etwas zu unterrichten, ja auch völlig anders bewertet werden. Wer also unbedingt Noten verteilt sehen will, könnte ja z.B. auch folgendes bewerten: » Die Lehrerin XY hat die Aufgabe dem Kind den Unterrichtsstoff Mathematik der 3. Schulstufe zu vermitteln mit sehr gutem/gutem/befriedigenden/genügenden/nicht genügenden Erfolg absolviert.« So könnten sich Eltern und Lehrer (die alle sowieso schon die Notengebung verinnerlicht haben) nach belieben gegenseitig benoten und die Kinder mit diesem Unfug verschonen.

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