Purkersdorf Forum Archiv 2002
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mir ? sagt am 02.04.2002 08:03 zu Karl Berger ®:Nächster Beitrag

Re: Kindesmißbrauch - nicht regionales Problem


Da es mich grundsätzlich nervt, daß die Beiträge, auf die man antwortet oben stehen und man erst ganz nach unten blättern muß um die Antwort zu lesen stelle ich meine Antwort nach oben. Lieber Karl, ich bin im wesentlichen Deiner Meinung, ich finde aber, daß in diesem Fall zu sehr auf den angeblichen Täter geschaut wird und die Opfer zu wenig betrachtet werden. Es muß schon immer wieder klar gesagt werden, daß die Kinder die Opfer sind und daß Kindesmißbrauch eine absolut unverzeihliche Tat ist - aus meiner Sicht weit schlimmer als andere Gewaltverbrechen oder auch Vergewaltigung von erwachsenen Menschen - die Kinder können noch viel weniger mit der Tat umgehen. Ja, die Täter zu "entschärfen" ist die Lösung schlechthin, aber wir wissen ja, daß das nicht funktionieren wird. Nicht der Täter ist arm - die Kinder sind es!




Um unvermeidlichen Mißverständnissen vorzubeugen: ich bin selbst Vater einer sechsjährigen Tochter, wir haben den betreffenden Kindergarten besichtigt, mit dem mutmaßlichen Täter gesprochen, dann aber doch eine andere Kinderbetreuung vorgezogen. Ich bin also hinreichend betroffen. Ich finde die Maßnahmen, die Michael Huber mit dem Bürgermeister besprochen hat, sinnvoll und hoffe, dass es nicht nur bei Ankündigungen bleibt.
Aber ich möchte auf andere Aspekte Aufmerksam machen. Das Thema Kindesmißbrauch hat eine eigenartige Dynamik: Da wird die meiste Zeit nicht daran gedacht, und wenn etwas bekannt wird, kommt es zu stark emotionalisierten Überreaktionen, Maßnahmen werden eingefordert oder tatsächlich ergriffen und dann breitet man wieder den Mantel des Schweigens über das Thema. Dadurch geht ein Aspekt fast gänzlich unter: Mit der Aufklärung der Kinder alleine ist noch nicht alles getan. Es kann sogar zuviel des Guten getan werden, wenn dann jede freundliche Geste mißtrauisch beobachtet wird. Man muß auch die Seite der Täter betrachten: Man kann annehmen, dass sie unter einer gesellschaftlich nicht tolerierbaren sexuellen Orientierung leiden. Aber wie sollen sie damit fertig werden? Mit wem sollten sie darüber sprechen? Wer könnte ihnen helfen. Es ist für die Betroffenen sehr schwer die Scham zu überwinden um mit jemand darüber zu sprechen. Es ist wahrscheinlich schon sehr schwer es sich selbst einzugestehen. Wenn die Hürden aber sehrt hoch sind, zu sagen: »ich spüre diesen sexuellen Drang, ich brauche Hilfe, sonst könnte ich zum Täter werden.«, solange müssen diese Menschen versuchen alleine damit fertig zu werden, und werden es nicht immer schaffen. Es wäre meiner Meinung nach also notwendig für diese Menschen auch so eine Art »Rat auf Draht« und andere niederschwellige Einrichtung zu schaffen und zu popularisieren. Damit könnte wenigstens ein Teil dieser lebenden Zeitbomben entschärft werden.
PS.1: Möglicherweise bin ich falsch informiert, aber es heißt im vorliegenden Fall, dass der Betreuer Mädchen im Schlaf unsittlich berührt hat. Mir ist nicht bekannt, wie weit die Mädchen, dass überhaupt mitbekommen haben. Natürlichj gehört das verhindert, aber in diesem Zusammenhang vom größten Verbrechen, dass die Menschheit begehen kann zu sprechen, schafft eben dieses Klima, das mögliche Täter noch mehr in die Isolation treibt. Auch die Sprachregelung »Kindesmißbrauch« ist so allgemein und undifferenziert, dass es zu einer übertriebenen Emotionalisierung kommen muss.
PS 2: Wenn der Fall Groer auch etwas gutes haben soll, dann vielleicht das, dass sich mögliche Täter von Priester vielleicht etwas Verständnis erhoffen und zur Beichte gehen um über ihre Probleme zu sprechen.

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