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Josef (Joseph) Schöffel


Joseph Schöffel Schon im 19. Jahrhundert drohte dem Wienerwald der totale Ausverkauf. Grund war die völlig leere Staatskasse nach zwei verlorenen Kriegen (Italien 1859, Preußen 1866) und dem preußisch - österreichischen Waffengang gegen Dänemark (1864). Zunächst wurden Gebühren, Abgaben und Steuern massiv erhöht, dann verkaufte das Finanzministerium die "Staatsdomänen" (Forstgebiete) an Private, die gleich mit massiven Schlägerungen begannen. Auch Bergwerke und Eisenbahnen wurden von einem eigens gegründeten "Staatsgüterverschleißbureau" (im Volksmund: "Verschleuderungsbüro") auf den Markt geworfen.

Diese vermeintliche Rettungsaktionen, von denen zwielichtige Spekulanten und hohe Beamte profitierten, bekämpfte ein Mann gnadenlos: Der pensionierte Oberleutnant Joseph Schöffel, der 1832 als Sohn eines Bergrates in Pribram (Böhmen) geboren wurde. Er hatte sich nach seiner militärischen Laufbahn in Wien naturwissenschaftlich gebildet und in Mödling niedergelassen. Dort stieß ihm die dubiose Verkaufspolitik des Finanzministers Beck sauer auf, wie seiner Autobiografie zu entnehmen ist: "So wurden im Jahre 1863 die Staatsdomänen Waidhofen an der Ybbs und Gaming an einen gewissen Löwy um 750.000 Gulden verkauft. Löwy verkaufte diese Domänen, nachdem er den Kaufschilling samt Zinsen aus den ausgedehnten Forsten herausgeschlagen hatte, an ein Straßburger Konsortium um 1 Million Gulden, welches, nachdem es aus den Wäldern durch ausgedehnte Holzfällungen den Kaufschilling ebenfalls hereingebracht hatte, die devastierten Domänen an die Forstindustrie - Aktiengesellschaft um drei Millionen Gulden verkaufte." Das Fass zum Überlaufen brachten aber die Pläne, den Wienerwald, "der jährlich ein Reinerträgnis von 600.000 Gulden abwarf", dem Wiener Holzhändler Moritz Hirschl zur Ausbeutung zu verkaufen.

Schöffel: "Die im Staatsgüter - Verschleuderungsbureau etablierte Mafia fühlte sich, da kein erheblicher Widerstand gegen ihre Plünderung des Staatseigentums sich geltend machte, sicher! Man verordnete nun, um die Entwaldung der Staatsforste des Wienerwaldes zu beschleunigen, eine Mehrfällung von 750.000 Kubikklafter Holz, was eine vollständige Devastierung zur Folge gehabt hätte."

Als im Reichsrat am 18. April 1870 ein Gesetz "betreffend den Verkauf der sogenannten isolierten Teile des Wienerwaldes im Ausmaß von 5000 Joch, des sogenannten Anninger Forstes, der sich so trefflich zur Parzellierung eignete", eingebracht wurde, startete Joseph Schöffel einen publizistischen Feldzug, in dem ihn der Schriftsteller Ferdinand Kürnberger unterstützte.

Als Forum stellt sich zunächst das "Wiener Tagblatt" zur Verfügung. Als dieses dem Thema nicht mehr vorrangige Bedeutung beimaß, sprang das neu gegründete Journal "Deutsche Zeitung" ein. Die couragierten Beiträge führten einerseits zu Petitionen, in denen die Auflösung der Verträge mit Hirschl und die Entlassung von Beamten verlangt wurde, die mit diesem gemeinsame Sache und sich somit des Missbrauchs der Amtsgewalt schuldig machten, andererseits wurde Schöffel fünf mal wegen Ehrenbeleidigung und "Aufreizung zu Hass und Verachtung" angeklagt. Doch vor seiner Verhandlung zogen sowohl Private als auch die Staatsanwaltschaft ihre Klagen zurück.

In einem offenen Brief an "Se. Exzellenz den Landtagsabgeordneten Dr. Rudolf Brestl", den ehemaligen Finanzminister, argumentierte Schöffel ganz im Stile eines modernen Ökologen: "Die sogenannten Wohlfahrtswälder haben Einfluss auf die Temperatur, Regen und Feuchtigkeitsverhältnisse; sie sind ein wichtiger Faktor für das Klima und die Fruchtbarkeit. Ein solcher Wohlfahrtswald ist jedenfalls in hervorragendem Maße der Wienerwald! Wer entgegen den Erfahrungen, entgegen den Lehren und Kundgebungen unserer vorzüglichsten Naturforscher, den Einfluss des Wienerwaldes auf das Klima und die Fruchtbarkeit des Landes zu leugnen wagt, der muss mehr als Exzellenz, der muss unfehlbar oder dumm sein!"

Zunächst zog die Regierung den Gesetzesentwurf über den Verkauf des Wienerwaldes zurück. Doch die Geschäftemacher ließen nicht locker. Schöffel wurden von einem Mittelsmann 50.000 Gulden angeboten, wenn er eine Verpflichtung unterzeichnete, wonach er nach Sistierung der Verkaufs-, Holzlieferungs- und Holzabstockungsverträge nichts mehr in der Sache zu unternehmen und nichts mehr zu publizieren zusagte. Dann erzählte ihm der Forstwart Sladek, dass ihm ein Unbekannter im Zug nach Mödling vorgeschlagen hatte, er könnte Schöffel bei einem "Jagdunfall" aus dem Weg räumen, wofür sich hohe Herren in der Regierung erkenntlich zeigen würden.

Es dauerte einige Zeit, bis man endlich ein paar "Schuldige" am Wienerwald - Skandal belangte. Noch heute mahlen ja Gesetzes - Mühlen in diesen Dingen langsam bis wirkungslos. Schöffel resümierte: "Alle Beamten, die sich irgendwie beim Staatsgüterverschleiß und insbesondere in der Wienerwaldsache kompromittiert hatten, wurden einer nach dem anderen in den nicht verdienten Ruhestand versetzt, und die Agenden des Forst-, Domänen- und Bergwesens dem Finanzministerium abgenommen und dem Ackerbauministerium übertragen."

Ende 1872 durfte Joseph Schöffel "einen glänzenden Sieg der Wahrheit und Redlichkeit über Lüge und Betrug" feiern. Mit ihm auch Erzherzog Albrecht. Er ließ aus diesem Anlass eine Messe in der Schlosskapelle der Weilburg lesen und den Sieg mit Salutschüssen begrüßen. Schöffel wurde in Folge als die "Nummer 1 vom Wienerwald" herumgereicht. 104 Gemeinden ernannten ihn zum Ehrenbürger, Mödling machte ihn zum Bürgermeister und wurde in seiner Amtszeit zur Stadt erhoben (1875) und blühte wirtschaftlich auf, im Reichsrat und im niederösterreichischen Landtag wirkte er als Abgeordneter.

Kurz vor seinem Umzug ins von ihm begründete "Hyrtl´sche Waisenhaus" starb der große wie weitblickende Umweltschützer Joseph Schöffel am 7. Februar 1910 mit 78 Jahren. An ihn erinnern Straßennamen, Denkmäler, das Museum in Mödling und auch ein ihm schon zu Lebzeiten (1873) gesetztes Denkmal an einer beherrschenden Höhe südlich von Purkersdorf (Schöffelstein): "Zum Sporne und Beispiele für künftige Geschlechter gemeinschaftlich errichtet von den dem Dank verpflichteten Gemeinden des Wienerwaldes, Bürgern der Residenz und des Landes."

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Letzte Änderung: 2003-07-12 - Stichwort - Sitemap