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NETZWERK.WIENERWALD
Protokoll Arbeitstreffen vom 10.4.2002 Teil 2
Berichte:
Natura 2000 in Niederösterreich
Wienerwald - Thermenregion
Informationsveranstaltung in Tulln, 4.3.2002
Präsentation von Mag. Claus Stundner (NÖ Landesregierung) mit Unterstützung
von Dr. Thomas Ellmauer.
Anhand einer Broschüre (begleitend zu einer PowerPointPräsentation) gibt
Mag. Stundner einen kurzen Überblick.
Beginnend mit: "Wie ist es zu Natura 2000 gekommen?", kommt er schnell zu
den relevanten Fragen:
Was bedeutet Natura 2000 konkret für uns? Was darf man? Was darf man nicht?
Österreich hat sich verpflichtet die Natura 2000 Gebiete nicht erheblich (=
Bewirtschaftung innerhalb des sogenannten "Schwellenwertes": Bei
landwirtschaftlichen Flächen durch Einhalten der guten fachlichen Praxis,
bei forstwirtschaftlichen Flächen durch Einhalten des Forstgesetzes) zu
beeinträchtigen. Änderungen der Nutzungsart sind bei Lebensraumtypen,
Änderungen der Baumartenzusammensetzungen (größer 30%) sind bei
Lebensraumtypen und Habitaten prüfungsrelevant.
Die Flexibilität bei eventuellen Beeinträchtigungen hängt naturgemäß mit der
Möglichkeit der Abgrenzung zusammen (schwer abgrenzbar bedeutet damit auch:
Größeres Gebiet und damit mehr Flexibilität).
Die Verpflichtungen sind grundsätzlich in die betroffenen Verordnungen
einzuarbeiten bzw. mittels freiwilliger, privatrechtlicher Übereinkommen zu
regeln und gelten für alle innerhalb der Gebietsabgrenzungen befindlichen
Flächen (Flächen außerhalb sind keine Schutzobjekte gemäß Natura 2000). Es
wird hier aber zwischen weißen und ausgewiesenen Flächen unterschieden. Auf
den weißen Flächen ist eine Prüfung nur dann notwendig, wenn Projekte
geplant sind, die Schutzobjekte beeinträchtigen. In diesem Sinne sollten
Projekte so früh wie möglich an den Erhaltungszielen der Gebiete orientiert
werden, um Fehlinvestitionen zu vermeiden.
Ziel ist es, bis Juni 2004 alle Schutzgebiete im Sinne der FFH - als auch
der Vogelschutz - Richtlinie "verordnet" zu haben.
Der Managementplan:
Für die Umsetzung in der Praxis ist vorgesehen ein "Weißbuch" in Form einer
Ringbuchmappe anzulegen, welches jede Gemeinde erhalten wird. Anhand einer
Positivliste soll eine Selbstprüfung möglich sein. Wenn ein Projekt, eine
Problemstellung neu auftritt wird über die vom Land beigestellten
Konsulenten eine rasche Vorprüfung (Sachverständigentätigkeit) ermöglicht.
Hier wird geklärt, ob eine Naturverträglichkeitsprüfung erforderlich ist.
Diese Tätigkeiten werden allesamt vom Land finanziert (wenn das Projekt
nicht den Rahmen sprengt!).
Der Managementplan soll folgende Gliederung aufweisen:
- Gebietsbeschreibung
- Gebietsdarstellung (Kartenmaterial - die Überarbeitung auf
Parzellenschärfe ist derzeit in Vorbereitung!)
- Lage der Schutzobjekte (Lebensraumtypen sowie Habitate der Tierarten und
Vogelschutzgebiete)
- Eigenart des Gebietes
- Rechtliche Grundlagen
- Erhaltungsziele und Schwellenwerte der Schutzobjekte
- Naturschutzfachliche Prioritätenabwägung
- Gebietsmonitoring (Evaluierung - alle sechs Jahre Rückmeldung an EU)
- Rahmenbedingungen (Situation Arbeitsmarkt, land- und forstwirtschaftliches
Umfeld, Gewerbe und Industrie, Verkehr, Siedlungsgebiete)
- Maßnahmen (Angebote an Fördermaßnahmen, konkrete Erhaltungsmaßnahmen für
alle Schutzobjekte, zutreffende Förderprogrammteile)
- Prüfungen (wahrscheinliche Projekttypen und naturschutzfachliche
Einschätzung bzw. Projekttypen, die im Gebiet nicht prüfungsrelevant sind)
- Dokumentation (der Vorprüfungsergebnisse bzw. der Ergebnisse der
Naturverträglichkeitsprüfungen)
Ansprechpartner der nächsten Umsetzungsschritte:
- Gemeinden
- Bezirksbauernkammern
- Wirtschaft(skammern)
- Sachverständigenbüros
Hingegen sollen die Grundeigentümer erst bei "Verordnungsreife" angesprochen
werden (weil erst dann wirkliche "Parzellenschärfe").
Hier setzt naturgemäß die Kritik des Publikums an. Mag. Stundner versteht
diese zwar, versucht aber die Schwierigkeit der Behörde zu verdeutlichen:
Ohne die erst auszuarbeitenden Unterlagen kann eben nicht detailliert über
Einzelflächen diskutiert werden. Eigentümer solcher "Einzelflächen" wollen
aber verständlicherweise nicht erst nach der erfolgten Festlegung im Detail
informiert werden.
Beide Parteien (Landesregierung bzw. Grundbesitzer) verfolgen etwa das
gleiche Ziel (Erhaltung des derzeitigen Landschaftsbildes unter
Berücksichtigung von Wirtschaft, Tourismus, Kultur etc.), schaffen es aber
nicht - unter den gegebenen Umständen (die Einen fühlen sich übergangen und
haben Ängste bezüglich ihres Eigentums, die Anderen fürchten mit der
Einbindung offensichtlich kein Ergebnis zustandebringen zu können oder haben
schlichtweg die Befürchtung, dadurch "umsonst" zu arbeiten) den Weg
gemeinsam zu bestreiten. Fazit: Es bedarf einer Institution, welche das
Vertrauen der Betroffenen Bevölkerung genießt, aber auch "Übersicht" über
die Arbeit der Landesregierung bzw. der beauftragten Experten besitzt. Hier
sehe ich für Wienerwaldkonferenz - Netzwerk.Wienerwald eine große Chance in
den auf uns zukommenden Diskussionen (vor allem auch in Hinblick auf einen
möglichen Biosphärenpark) von "beiden Seiten" als neutrale Institution
herangezogen/befragt/eingebunden zu werden.
Termin von Vertretern der Wienerwaldkonferenz bei der MA 49
Forstamt der Stadt Wien, Direktion, 13.3.2002
Verkauf Bundesforstewiese an der Grenze zu Mauerbach:
Interesse der MA 49 am Erwerb des Grundstücks wird bekundet. Auch
Grundstücke in der Nachbarschaft (teilweise auch Privatbesitz) wurden lt.
DI. Weidinger zum Kauf angeboten. Obwohl es zwischen der MA 49 und der ÖBf
AG regelmäßigen Meinungsaustausch gibt, wusste in der MA 49 offiziell
niemand von dem geplanten Verkauf der Wiese. Dies sei eine Folgeerscheinung
des sogenannten "Auslagern von Verantwortungsbereichen" und entspricht nicht
der Philosophie der MA 49, wird uns versichert.
Wurzbachtal:
DI. Weidinger (innerhalb der MA 49 zuständiger Ressortleiter, auch für
Naturschutz bzw. Natura 2000 und Nationalpark) hat sich vor allem für die
Verkehrssituation sehr interessiert gezeigt und versprochen diesbezüglich
Kontakte zur zuständigen Magistratsabteilung bzw. zur Bezirksvorsteherin
herzustellen. Weiters verwies er auf die Hochwassersituation, evtl. liegt
das Grundstück zum Teil in der "roten" Gefahrenzone. Es wurde dezidiert
ausgeschlossen, einem Anliegen auf dauerhafte Öffnung der Forststraße für
den Individualverkehr zuzustimmen. Weiters wurde den Argumenten betreffend
"nicht landschaftsadäquater Bebauung" Zustimmung attestiert (jedoch ohne
"Zuständigkeit").
Natura 2000:
DI. Weidinger erläutert warum Wien im Vergleich zu NÖ "noch nichts
nominiert" hat. Die Landesgrenze ist auch die Grenze zwischen alpinen und
kontinentalen Regionen. Die Termine für die kontinentalen Gebiete folgen
erst. DI. Weidinger ist aber (vor allem) betreffend der Managementpläne,
welch doch im Gleichklang erstellt werden sollten, in engem Kontakt mit der
NÖ Naturschutzabteilung / Dr. Kraus. Der für den Lainzer Tiergarten
erstellte Managementplan für das Jahr 2003 soll als Basis für die im Jahr
2004 fertigzustellenden Unterlagen herangezogen werden. Auf Grund der
"anderen" Vorgangsweise der NÖ Landesregierung (Beauftragung von "privaten"
Büros für einzelne Teilbereiche bzw. Gemeinden) kann DI. Weidinger jedoch
keine konkreten Aussagen über die Zusammenarbeit machen.
Biosphärenpark:
Hier hat die aktuelle Entwicklung die geführten Gespräche "überholt"!
Aktuelles/Diverses:
Causa Bachweiler (Gemeinde Gaaden):
Bauvorhaben in überschwemmungsgefährdetem Gebiet: Inzwischen wurde eine
ordnungsgemäße Eingabe bei der niederösterreichischen Landesregierung
eingebracht. Wie wir erfahren konnten, wird die Angelegenheit eingehend
geprüft (insbesondere im Hinblick auf die Gefahrenzonenplanung). Die Prüfung
kann ergeben, dass ein Bauverbot ausgesprochen wird.
Zur Gefahrenzonenplanung: Wie aktuelle Beispiele in Neulengbach zeigen,
stellen auch sogenannte rote Zonen nicht wirklich einen brauchbaren Schutz
dar, wenn bereits bestehende Bebauungen existieren.
(Ehemalige) Lackfabrik Wiltschek:
Am 5. April fand in der Gemeinde Gaaden bezüglich "Sanierungsmaßnahmen
Betriebsareal", vormals Lackfabrik Wiltschek ein Lokalaugenschein statt. Auf
Grund zahlreicher an Ort und Stelle festgestellter Ungereimtheiten wurde ein
sofortiger Baustop verfügt um den Sachverhalt genauer prüfen zu können.
Seitens der Wienerwaldkonferenz nahmen Frau Westermayer und Frau Mag.
Foelsche am Lokalaugenschein teil und gaben auch Stellungnahmen ab. Es
musste festgestellt werden, dass vom jetzigen Besitzer bereits teilweise
konsenslose Baumaßnahmen durchgeführt wurden.
Steinbrüche:
Wie von Dr. Fritz immer schon befürchtet, hat die Causa Steinbruch im
Naturpark Föhrenberge (unglückliche Naturparkeverordnung 2000)
offensichtlich bereits den ersten Nachahmer gefunden. Der Großkonzern
Lafarge/Perlmoser soll bereits an einer möglichen Wiedereröffnung eines
Steinbruches in Kaltenleutgeben arbeiten.
Nachtrag:
Am 26. März fand in Gablitz ein Teilregionsworkshop statt.
Die Arbeitsunterlage dazu findet sich auf der Homepage des regionalen
Entwicklungsverbandes NÖ-Mitte (www.noe-mitte.at unter RWK-Aktuelles,
Arbeitsmaterial zu den Teilregionen - Dokumente/Protokolle:
TR-WS-Wienerwald.pdf).
Mit freundlicher Genehmigung von DI. Karl Reiner (ÖAR) nachstehend einige
Auszüge aus der Arbeitsunterlage und dem Protokoll (das vollständige
Protokoll kann angefordert werden).
Untersuchungsgebiet Niederösterreich Mitte
Teilregion Wienerwald
Die Teilregion Wienerwald ist geprägt durch die Lage am Stadtrand von Wien.
Ausschlaggebende Faktoren dieser besonderen Stadtrandlage sind eine hohe
Lebensqualität durch vergleichsweise ruhige Lage bei direktem Zugang zu
Grünraum sowie ausgezeichnete Erreichbarkeiten. Etwas benachteiligt stellt
sich demgegenüber die Lage des südlichen Bereiches der Teilregion dar.
Aufgrund der günstigen Lage und guten Lebensqualität konnte die Teilregion
Wienerwald zwischen 1991 und 2001 - wie bereits in den zehn Jahren davor -
beträchtliche Bevölkerungszuwächse verzeichnen. Massive Zuwächse fanden
insbesondere entlang der Allander Autobahn (A21) statt, so beträgt die
Veränderung 1991-2001 in der Gemeinde Wolfsgraben 30%, diejenige in
Purkersdorf 21% und in Gablitz 17%. Weniger hohe Zuwächse bzw. geringe
Abnahmen müssen dagegen in den Bereichen südlich der A21 festgestellt
werden.
Das Bruttoregionalprodukt der Teilregion Wienerwald erscheint im
Österreichvergleich sehr hoch. Insbesondere gilt dies im Bezirk
Wien-Umgebung, wo der Wert im Jahre 1995 bei 173% desjenigen von Österreich
und damit sogar über dem Bruttoregionalprodukt von Wien lag. Auch die
Entwicklung seither dürfte recht positiv verlaufen sein.
Betrachtet man die Wirtschaftsstruktur anhand der unselbständig
Beschäftigten so zeichnet sich folgendes Bild:
Ein außerordentlich hoher Anteil der Wirtschaftsleistungen wird im Bereich
der Wirtschaftsdienste erbracht. Im Bezirk Wien-Umgebung beträgt dieser
Anteil mehr als ein Viertel aller Leistungen (27,8%). Insgesamt dominiert
der Bereich der Dienstleistungen mit rund 75% deutlich.
Die Tourismusregion Wienerwald, die sich von Klosterneuburg über Purkersdorf
und Neulengbach bis nach Kaumberg und Mödling erstreckt, ist innerhalb der
Untersuchungsregion von großer Bedeutung, nach der im Untersuchungsgebiet
meistbesuchten Tourismusregion Wachau steht diese Region mit ihren rund
420.000 Nächtigungen an zweiter Stelle. Dabei musste aber in den letzten
Jahren insbesondere im Sommer ein Nächtigungsrückgang verzeichnet werden.
In der Art des Nächtigungstourismus überwiegt der Kongress- und
Städtetourismus, gekennzeichnet durch einen überdurchschnittlich hohen
Anteil des Qualitätsbettenangebots und relativ ausgeglichene Saisonen.
Daneben sind für die Region Tagesausflüge und Naherholung insbesondere aus
Wien von maßgeblicher Bedeutung.
Neben dem klassischen Tourismus als Wirtschaftszweig ist in der untersuchten
Region zusätzlich der vergleichsweise hohe Anteil an Nebenwohnsitzen
anzumerken.
Die Land- und Forstwirtschaft spielt im Bezirk Wien-Umland, wie auch in der
Teilregion Wienerwald eine nachgeordnete Rolle. Nur 1,9% der Bevölkerung
arbeitet in der Land- und Forstwirtschaft. Rund die Hälfte der land- und
forstwirtschaftlichen Flächen besteht aus Wald, der Anteil in der Teilregion
liegt weit darüber. Der hohe Waldanteil der Teilregion, der zu einem
überwiegenden Teil in Besitz der Bundesforste ist, erklärt auch den hohen
flächenmäßigen Anteil der juristischen Betriebe von mehr als der Hälfte
sowie den hohen Anteil von Großbetrieben (mehr als 100 ha) mit fast zwei
Drittel. Eine verstärkte Veränderung der Bewirtschaftung von Haupterwerbs-
zu Nebenerwerbsbetrieben läßt ein weiteres Zurückdrängen der Landwirtschaft
erwarten.
Betrachtet man die absolute Zahl der Arbeitslosen in der Teilregion
Wienerwald, kann eine durchaus positive Bilanz gezogen werden. Im Zeitraum
zwischen 1996 und 2001 verringerte sich die Anzahl der Arbeitslosen um rund
7-8%, dagegen blieb die Zahl der Arbeitslosen im gesamten
Untersuchungsgebiet beinhahe gleich.
Für einen größeren Vergleich kann auch die Arbeitslosenquote des
Arbeitsmarktbezirkes Tulln (inkl. Gerichtsbezirke Klosterneuburg und
Purkersdorf) herangezogen werden. Diese lag 2001 mit 4,2% deutlich unter dem
Österreichdurchschnitt (6,0%), der Anteil der Langzeitarbeitslosen dagegen
war leicht überdurchschnittlich.
Die Teilregion Wienerwald besitzt Anschluss an wichtige Verkehrsachsen
sowohl auf der Schiene als auch auf der Straße. Insbesondere die Lage der
Westautobahn wie auch die Westbahn wirken sich in diesem Zusammenhang
positiv aus. Wichtige Knotenpunkte wie Wien aber auch St. Pölten liegen in
relativer Nähe und begünstigen die Erreichbarkeiten massiv. Insgesamt
bestehen in der Teilregion durchwegs günstige bis sehr günstige
Erreichbarkeiten. Nur wenige Gemeinden des Wienerwaldes sind im Bezug auf
Erreichbarkeit etwas benachteiligt, in der Hauptsache jene, die südlich der
Autobahn gelegen sind.
Innovationsworkshop
Teilregion Wienerwald
Karl Reiner (ÖAR) stellte das Gesamtprogramm zur Erstellung des RWK NÖ-Mitte
vor und präsentierte einige Ergebnisse der Analysephase. Aus den
vorliegenden Daten lassen sich mögliche Orientierungen für die zukünftige
Entwicklung der Wienerwaldregion ableiten. Bestehende Programme, wie die
regionale Wirtschaftsentwicklung im Raum Purkersdorf, die Attraktivierung
des öffentlichen Verkehrs, ein Konsumenteninformationszentrum in der
landwirtschaftlichen Fachschule Tullnerbach, das tausendjährige Jubiläum der
Region Wienerwald, der Ausbau von Naherholungsangeboten, sowie lokale
Naturpark- und Kulturlandschaftsprojekte, weisen darauf hin, wo die
derzeitigen Schwerpunkte der Entwicklung geortet werden.
Gebietsbewertung:
Sehr positiv war die Einschätzung der Achsen Umwelt (Kulturlandschaft und
Siedlungswesen), Aktivitäten (Unternehmensstruktur, Ver- und
Entsorgungsstrukturen) und Fähigkeiten (Kompetenzen, Ausbildungsstand). Die
Achse Bevölkerung (Altersstruktur, Zuwanderung) befindet sich stabil auf
hohem Niveau.
Etwas gedämpft ist hingegen die Bewertung der Achse Identitäten. Wenn man
einen Blick auf die Bewertung der 45 Subkomponenten wirft, sieht man die
einzigen zwei, die sich seit zehn Jahren verschlechtert haben dürften,
"Zusammenhalt" (Identität) und "Familie" (Bevölkerung). Das sind Hinweise
auf zumindest beginnende Probleme im sozialen Zusammenhalt und der
freiwilligen Gemeinschaftsstrukturen, während die Bindung an den Ort (z.B.
über Grundeigentum) nach wie vor hoch ist. Die Komponenten Vorstellungen
(Images, Leitbilder), Märkte (Wettbewerbsfähigkeit und Nahversorgung) und
Finanzen (Einkommen, Vermögen) sind ebenfalls verbesserungsfähig und weisen
auf Schwächen in der Wirtschaftsstruktur hin.
- Die Qualität des Lebensraums ist trotz ihres bereits hohen Niveaus in den
letzten Jahren noch gesteigert worden.
- Die günstige demographische Struktur und hohe Qualifikation ermöglichen
eine wachsende unternehmerische Dynamik.
- Im politisch-administrativen System ist es, ausgehend von bescheidenem
Niveau, in den letzten Jahren gleichfalls zu einer Dynamisierung gekommen.
- Schwächen bestehen in jenen Bereichen, die sich auf gemeinschaftlichen
Zusammenhalt, soziale Kohäsion und gemeinsame Leitvorstellungen gründen.
Dieser Befund dürfte sowohl für die menschlichen Gemeinschaften (Familien,
Nachbarschaften) als auch für die Kooperation zwischen Gemeinden und
Unternehmen zutreffen.
Aus dem Profil werden folgende Annahmen getroffen:
- Ausgangspunkt ist die stärkste Komponente Umwelt.
- Strategien, die sich stark auf Elemente stützen, die in der Komponente
Identität zusammengefasst sind, wird möglicherweise wenig Erfolg beschieden
sein (z.B. lokale Dorferneuerungs- oder Einkaufsinitiativen).
- Strategien, die sich unternehmerischer Initiative als Hebel bedienen
(Aktivitäten), sind hingegen erfolgversprechend.
- Eine Kombination aus den Komponenten Umwelt - Märkte - Steuerung stärkt
die Komponenten Vorstellungen und Finanzen.
- Die Verknüpfung der Komponenten Umwelt - Vorstellungen - Fähigkeiten -
Steuerung stärkt die Komponente Finanzen zusätzlich, und in weiterer Folge
die Identitäten.
Leitstrategien:
In der Plenardiskussion nach den Arbeitsgruppen zeichneten sich aus dem
Kompassprofil grobe Umrisse für zwei Leitstrategien ab, deren nähere
Bestimmung danach in zwei parallelen Arbeitsgruppen erfolgte. Ihre
Arbeitstitel lauten:
SCHATZKAMMER WIENERWALD
Ziel: Eine bessere, umweltschonende Vermarktung des Wienerwaldes.
Zielkriterien: Steigerung der Nächtigungszahlen. Tagestouren zu kulturell
interessanten Punkten abseits der gängigen Touren, die bereits angeboten
werden. Kleinregionale Nutzung der Landschaft unter Einbeziehung der
Direktvermarkter. Vernetzung der Künstler der Region.
Werte: Verbesserung der Identifikation mit dem Lebensraum. Imagebildung
innerhalb der Bevölkerung und der Bewusstheit darüber, dass wir die
TouristInnen brauchen. Den tatsächlichen Wert des Lebensraums bewusst
schätzen und erleben. Gemeinsame Projekte sind leichter realisierbar.
Handlungsrahmen: Einzelne Unternehmen müssen zusammenarbeiten. Die Gemeinden
müssen in Dialog zueinander treten. Vernetzung klein beginnen - von
Nachbargemeinde zu Nachbargemeinde. Organisierte Verbände sollen
zusammenarbeiten.
Potenziale, Ressourcen: Bessere Nutzung des Internets. Menschliche Kontakte
auf Messen; z.B. Sprachkenntnisse überregional nutzen.
Hemmnisse, Risiken: Wirtschaftlicher Konkurrenzdruck. Gegeneinander statt
miteinander.
Diese Ergebnisse wurden im Schlussplenum präsentiert und diskutiert. Die
erste Leitstrategie "Schatzkammer Wienerwald" fügt sich sehr gut in die
Bestrebungen zur Schaffung des Biosphärenparks Wienerwald ein, der somit als
Kristallisationskern dieser Strategie zu sehen ist. Das heurige
Jubiläumsjahr "1000 Jahre Wienerwald" kann als erste Stufe (bzw.
"Versuchslabor") zu einer weiterreichenden und dauerhaften innerregionalen
Kooperation betrachtet werden, wobei erstens deren äußere Grenzen nicht
eindeutig festlegbar sind und zweitens deren innerer Diversität gebührend
Rechnung getragen werden muss.
STANDORT WIENERWALD
Ziele: Arbeiten und Wohnen im GrünenWienerwald - Schätze vermarkten
(Tourismus, Standortkatalog). Attraktive Verkehrsverbindungen (Förderung des
ÖV, Reduktion der Verkehrsbelastungen). Wienerwald - Natur sichern.
Überkommunales Raummanagement.
Zielkriterien: Grenzen bezüglich Bauland bezogen auf Wohnbevölkerung.
Gemeindeausgaben pro EW für Infrastruktur (Kanal, Schulen etc.). Erhöhung
des Anteils des ÖV (jährliche Verkehrszählungen). Entwicklung der
Flächennutzung.
Handlungsrahmen: Gemeinden führen gemeinsame Verkehrszählungen durch.
Gemeinden führen gemeinsame Flächenerhebung durch (Wohnen, Grünland,
Betriebsflächen). Land (RU2) plant und setzt Biosphärenpark um. Land erwirkt
Kernzonenerweiterung des VOR. Land berücksichtigt den dynamischen Standort
Tulln besser in der Planung. Land/Bund/EU: Gezielte Förderungen.
Diese Ergebnisse wurden im Schlussplenum präsentiert und diskutiert. Auch
hier bildet der Biosphärenpark Wienerwald einen Angelpunkt für den Beginn
einer neuen Qualität von Kooperation innerhalb der Region.
Die beiden Leitstrategien Schatzkammer Wienerwald und Standort Wienerwald
zeigen gemeinsame Bezugspunkte und setzen doch verschiedene Akzente.
Die gemeinsamen Bezugspunkte der Leitstrategien sind,
- dass sie an der natur- und kulturräumlichen Hochwertigkeit des Raumes
ansetzen;
- dass sie eine Vernetzung oder zumindest eine gemeinsame Klammer für den in
sich höchst verschiedenartigen Raum anstreben.
Zusätzlich zu ihrer guten Verknüpfbarkeit setzen sie unterschiedliche
Akzente:
- Die Schatzkammer Wienerwald verleiht der Region nach außen und nach innen
gemeinsame Gestalt und Profil. Die geographisch-naturräumliche Identität
verstärkt die kulturhistorische Achse Heiligenkreuz-Mauerbach-Klosterneuburg
und vice-versa. Gleichzeitig legt der Begriff "Schatzkammer" nahe, dass es
hier viele Kleinodien zu entdecken gibt (wie "Brillianten auf einem Diadem",
das auf dem "Haupt Wien" sitzt, aber seinen eigenen Charakter und Eigenwert
besitzt). Die Stoßrichtung der Leitstrategie ist imageorientiert und nutzt
das touristische und Naherholungspotenzial.
- Der Standort Wienerwald nutzt den gemeinsamen Raumbezug zu verstärkter
innerregionaler Abstimmung. Dadurch werden überörtliches Standortmanagement,
räumliche Aufgabenteilung, Verkehrsoptimierung und das Setzen gezielter
Akzente in der Ansiedelung von Wirtschaftsbetrieben erleichtert. Die
Wettbewerbs- und Verhandlungsposition der Gesamtregion (vor allem vis-à-vis
Wien) wird verbessert. Des weiteren befördern kleinregionale Partnerschaften
einen Interessensausgleich zwischen Landgemeinden und aufstrebenden Zentren
(Purkersdorf, Neulengbach, Tulln) bzw. zwischen alten, urbanen Zentren
(Klosterneuburg) und neuen, suburbanen Wohngebieten (St. Andrä-Wördern). Die
Stoßrichtung der Leitstrategie ist kompetenzorientiert und entwickelt sowohl
das unternehmerische Potenzial als auch die politischen
Gestaltungsspielräume.
Ausblicke:
Karl Reiner kündigt an, dass die Ergebnisse in das Gesamtkonzept NÖ-Mitte
einfließen werden. Nach den Workshops in den fünf Teilregionen werden zu den
wichtigsten Themen gesamtregionale Arbeitsgruppen eingerichtet und die
Teilregionen gebeten, geeignete VertreterInnen dorthin zu entsenden.
Es ist möglich und wünschenswert, dass sich die TeilnehmerInnen an diesem
Workshop (und alle weiteren Interessierten) ein weiteres Mal im Rahmen der
Teilregion Wienerwald treffen, um bestimmte Leitprojekte bzw. nächste
gemeinsame Schritte und Maßnahmen weiter zu konkretisieren.
Konkrete Termine wurden nicht ausgemacht; allerdings verwiesen die
TeilnehmerInnen auf die Vorbereitungsschritte zum Biosphärenpark und auf das
Tausend-Jahr-Jubiläum als Anlässe für eine Intensivierung der regionalen
Vernetzung.
Anmerkung:
Der "Biosphärenpark" Wienerwald - ich erinnere mich, vor nicht einmal einem
Jahr kannten fast nur Fachleute das UNESCO-Schutzprogramm ManAndBiosphere -
ist mittlerweile offenbar zum Rettungsanker für die Lösung aller Probleme
der Region geworden. Dies mag für manche Aspekte ohne Einschränkung
zutreffen, jedoch scheint mir das Schutzprogramm Biosphärenpark angesichts
der Vielzahl divergierender Forderungen und Problemgebiete [von der
"Attraktivierung des Verkehrs" (ÖV und IV!) zu den "höchsten
Naturschutzzielen" (der Oberbegriff Umwelt hat bei Befragungen den höchsten
Wert) bei gleichzeitig "uneingeschränkter und nicht gelenkter
Bevölkerungsdynamik" (vor mir liegt gerade ein Gratis-Bezirksblatt: Auf
Seite eins wirbt eine Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft mit
riesigen Lettern: Am Land wohnen, in Wien arbeiten; natürlich fehlt auch der
Hinweis auf die Wohnbauförderung nicht!)] leicht überfordert, wollte man in
ihm den einzigen (alleinigen) Lösungsansatz sehen.
C.Urich
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