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Der kongolesische Pfarrer Laurent Ndombi ist in Gablitz im Wienerwald tätig und betreut zugleich ein Entwicklungsprojekt im Kongo.
Die Menschen im Kongo riskieren alles – das letzte Geld der Familie, ihre Freiheit, lange Jahre hinter Gefängnismauern, ja sogar das Leben selbst –, um das Ziel ihrer Sehnsucht zu erreichen: Europa. Dort, so glauben sie, herrsche Reichtum, dort liege das Paradies auf Erden. Ganz anders hingegen verlief der Lebensweg des kongolesischen Priesters Laurent Lupenzu-Ndombi Mwabilayi: Keine verzweifelte Flucht, sondern ein von seinem Bischof verordneter Studienaufenthalt hat ihn nach Österreich geführt. In Wien hat er – nach Studien im Kongo, wo 50 Prozent der Bevölkerung Katholiken sind – den Doktor der Theologie gemacht. Und in Wien hat er in den Neunzigerjahren beschlossen, auf seinem Grundstück in der Nähe der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa ein Entwicklungsprojekt aufzuziehen. "Im Jahr 2000 bin ich nach sieben Jahren zum ersten Mal wieder in den Kongo gekommen. Ich habe gemeint, jetzt gehe ich eben zurück", erzählt Pfarrer Laurent, "aber inzwischen hat der Herr Kardinal in Wien einen Pfarrer für Gablitz gebraucht. Und sie haben mich ausgesucht." Seine Heimatdiözese im Kongo ist Mbuji Mayi im Zentralkongo, die Diamantenhauptstadt mit rund einer Million Einwohnern. An der Quelle unfassbaren Reichtums gibt es aber ebenso unfassbare Armut. Zwischen dem halbstaatlichen Bergbaukonzern MIBA und den tausenden teils illegalen Diamantenschürfern, die keinerlei andere Existenzmöglichkeiten haben, herrscht ein ständiger Kleinkrieg: Mord, Korruption, Prostitution, Gewalt. Die meisten Opfer sind zwischen zwölf und fünfzehn Jahre alt. Die MIBA, die "Minière du Bakwanga", verfügt über 70.000 Quadratkilometer Fläche zur Ausbeutung; ihr geschätzter monatlicher Erlös beträgt sechs bis acht Millionen Dollar, dank riesiger Bagger, die das Erdreich durchwühlen. Die MIBA ist von den Potentaten in der Hauptstadt Kinshasa seit langem zum Selbstbedienungsladen auserkoren und so in die Pleite getrieben worden. Die Milliardenausbeute ist bei westlichen Banken gebunkert und in wertvollen Auslandsimmobilien angelegt. Jetzt sind der südafrikanische Diamantriese DeBeers und der australische Minenkonzern BHP Billiton Partner der Kongolesen und wollen investieren. Der kongolesische Pfarrer der Wienerwaldgemeinde Gablitz mit vielen wohlhabenden Pfarrkindern betreibt ein Entwicklungsprojekt im Dorf Kinkole, rund 50 Kilometer östlich der Hauptstadt Kinshasa. Im Dorf gibt es eine Schule für rund 300 Kinder. Schulgeld fließt sehr spärlich, denn die Menschen sind arm. Ursprünglich war es nur eine Berufsschule für Maurer, Tischler, Schneider, um jungen Menschen eine Chance für Arbeit im Land zu geben und sie von der Flucht nach Europa abzuhalten. Später kam eine Grundschule dazu. Der Großteil der 27.000 Quadratmeter Grund, der zur Schule gehört, ist landwirtschaftlich genutzt. Mit Schweinezucht, Maniokanbau, Ölpalmen, Ananas: "Wir wollen zeigen, was man mit einfachen Mitteln aus dem Boden alles herausholen und damit den Hunger bekämpfen kann", erläutert Pfarrer Laurent. Eine kleine Kranken- und Geburtenstation wird gerade gebaut. Aus eigener Kraft Das Geld für den Grund hat Pfarrer Laurent selber zusammen gespart. Zehn Jahre hatte er als Prokurator des Bischofs von Mbuji Mayi und Leiter der Finanzkammer gearbeitet und bereits eine Karriere hinter sich, als er nach Wien kam. Auch dort konnte er einiges zur Seite legen. "Den Grund konnte ich einem Häuptling recht günstig abkaufen", erzählt Pfarrer Laurent. Starthilfe hat die Caritas im Kongo geleistet, jetzt lebt das Projekt von Spenden aus Gablitz und aus Wien. Das Entwicklungsprojekt Kinkole ist so etwas wie eine sichere Insel in einer oft chaotischen Umgebung. Selbsthilfe wird hier großgeschrieben. Lehmziegel werden selber gemacht, Bauholz mit einer gespendeten kleinen Motorsäge zurechtgezimmert. "Sogar der Kauf einer Leiter ist hier ein Problem", sagt Willi Slama, einer der maßgebenden Helfer des Pfarrers aus Gablitz, "fast einen Tag lang mussten wir uns erkundigen, wo man eine Leiter erwerben kann". Elektrischen Strom gibt es nicht, deshalb hat eine Gablitzer Familie Photozellen gespendet, und auch deren Montage. Für Laurent ist es sehr wichtig, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, den Menschen den Glauben an ihren eigenen Wert, an ihre Würde wieder zu geben. Schon seine Dissertation ist ganz in diesem Sinn abgefasst. Er hat die Verwerfungen in der Gesellschaft des Kongo historisch aufgearbeitet: Eine von unerbittlichen Missionaren aufgezwungene neue Religion, Hungerlöhne und Peitschenhiebe der Kolonialherren haben dazu beigetragen, dass die Menschen außerstande waren, nach dem plötzlichen Abzug der Kolonialherren ihr Land selbst zu organisieren. Aber die Eliten haben seither nichts dazugelernt: "Unterschlagung von öffentlichem Geld, Vergeudung von Staatsvermögen, Prostitution, der Stammesdünkel, werden oft durch einheimische Führer durchgesetzt und aufrecht erhalten", kritisieren kongolesische Bischöfe Weitere gewaltige Probleme im Kongo sind Kindersoldaten und Aids. Pfarrer Laurent erzählt: "Burschen und Mädchen werden mit Gewalt verschleppt und dann dazu ausgebildet, brutal zu töten. Sie werden unter Drogen gesetzt, mit Sex belohnt. Einer Familie in Bukavo ist das passiert: Kindersoldaten drangen ins Haus ein, und ein Mädchen musste mit fünf bis sechs Soldaten Sex machen. Die Eltern taten nichts dagegen. Viele vergewaltigte Mädchen werden krank, bekommen Aids. Doch die Kindersoldaten vergewaltigen auch Mädchen, die schon krank sind, und so verbreitet sich die Krankheit weiter." Laurent kritisiert das Verbot von Kondomen durch die Amtskirche als realitätsfern. Aber das sei nicht das Hauptproblem, meint er: "Dass nämlich Aids durch Sex übertragen wird, wissen die meisten Menschen gar nicht und wollen es oft auch gar nicht wissen. Die Frauen wissen so gut wie nichts über ihren Körper, das Interesse der Männer beschränkt sich darauf, mit einer Frau zu schlafen." Die Caritas im Kongo versucht zu helfen, Kondome verteilt sie jedoch nicht; das machen andere Hilfsorganisationen – allerdings nur mit geringen positiven Auswirkungen. Mit der Verwaltungsmisere und der Korruption im Land war Pfarrer Laurent übrigens erst vor kurzem wieder einmal konfrontiert, als er in der Hafenstadt Boma ein Auto für sein Entwicklungsprojekt in Kinkole abholen wollte. Zwei Wochen hat er dafür veranschlagt, zwei Monate sind es geworden. Unter anderem wegen eines Streiks, bei dem die Hafenarbeiter ihren Monatslohn von 30 auf 50 Dollar erhöht haben wollten. "Und wenn ein Schiff kommt", ärgert sich Laurent, "stehlen die Arbeiter alles. Weil die Kinder zu Hause hungrig sind und essen müssen und in die Schule gehen." Und er hat noch manch anderes in Boma erlebt: "Ich habe ein Lager gesehen, voll mit neuen Autos. Und die Leute haben mir gesagt, die gehören alle der Frau von Kabila. Woher hat sie denn so viel Geld? Und die Leute haben gesagt: Vielleicht bereiten sie eine politische Kampagne vor – du kriegst ein Auto, dein Onkel kriegt ein Auto, und dann wird Kabila wieder gewählt." Präsident Joseph Kabila hat ein paar tausend korrupte Beamte entlassen. Ist das nicht ein positives Zeichen? frage ich Pfarrer Laurent. "Das glaube ich nicht. Denn bald wird wieder gewählt. Gut, dreitausend Beamte sind jetzt weg. Doch dreitausend neue werden kommen. Und die sind vielleicht noch korrupter als jene, die entlassen wurden. Das ist doch alles nur ein Spiel." Ist es für Pfarrer Laurent ein Privileg, in Europa zu leben und zu arbeiten, angesichts so vieler Flüchtlinge aus Afrika? – "Für mich ist es eine Aufgabe, kein Privileg." Sehnsucht nach Europa Die Sehnsucht, nach Europa zu kommen, ist den Menschen im Kongo nur schwer auszureden, meint er: "Die Leute sagen: du selbst lebst in Europa und willst nicht, dass auch andere nach Europa gehen. Sogar in meiner Familie wird so geredet. Leider gibt es Afrikaner, die in Europa leben, weder arbeiten noch studieren, aber dennoch Autos nach Hause schicken, gebrauchte Autos. Diese Leute haben Geld, vielleicht durch Drogenhandel. Aber das wissen die Menschen in der Heimat nicht. Sie wissen auch nicht, dass viele Auswanderer im Freien schlafen müssen, weil sie sich keine Wohnung leisten können. Sie sehen nur die gebrauchten Autos. Wir versuchen ihnen zu sagen: Lasst euch doch zu Hause ausbilden, dann könnt ihr es auch hier zu etwas bringen." Pfarrer Laurent will auch Europa in die Pflicht genommen wissen. Die staatliche Entwicklungshilfe versickert in dunklen Kanälen, kritisiert er. Und private Projekte, wie etwa seines, werden von öffentlichen Stellen in Österreich nicht unterstützt. Also bemüht sich Pfarrer Laurent weiter um Spenden für Kinkole, über deren Verwendung er alljährlich öffentlich und penibel Rechenschaft ablegt: "Die Motivation ist zu allererst der Kampf gegen das Elend in dem an sich reichen Land Kongo. Sicher ist das nicht sehr viel, was wir machen. Aber es zeigt doch Wirkung. Priester, Bischöfe, sogar Minister besuchen uns. Ein Bischof aus Rom hat gesehen, was wir in Kinkole machen, und dann ein ähnliches Projekt begonnen." Herbert Hutar Dr. phil., früher Leiter der Wirtschaftssendung "Saldo" (Radio Ö1), arbeitet als Wirtschaftsjournalist in Wien. Printausgabe vom Samstag, 29. Mai 2010
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| Letzte Änderung: 2010-05-30 - Stichwort - Sitemap | ||||||||||||