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Der Biber
Glücksfall oder Problemfall?
"Biber holzen wertvollen Baumbestand ab, stauen Bäche auf, verursachen Überschwemmungen, untergraben Uferböschungen, bringen Landwirte in Schwierigkeiten, reduzieren dringend benötigte Ackerflächen, hausen fürchterlich in naturgeschützten Gebieten - klar: Das Kroppzeug muß weg. Derartige Schädlinge auch noch zu hätscheln oder gar neu anzusiedeln, gehört sicherlich zu den dümmsten Einfällen von falsch programmierten Idealisten, die sich von den Realitäten meilenweit entfernt haben".
So haben das wohl viele Leute früher gesehen, und selbst heute, wo Artenschwund und Lebensraumzerstörungen immer mehr Menschen zum Nachdenken bringen, argumentieren manche Bauern und Waldbesitzer - und sei es klammheimlich -immer noch mit solchen Ansichten gegen die Biber.
Vorgeschichte
Schon in der Steinzeit wußten Menschen die Biber zu nutzen - als Opfertiere, Nahrung und als Fellieferanten. Später verarbeiteten sie den dichten Pelz zu Filz und das ölige Sekret, das sich in Hautsäckchen nahe dem After sammelt, zu Castoreum, "Bibergeil". Diese braune Masse galt als Allheilmittel: Sie sollte die Potenz steigern, Wehen auslösen, beruhigen oder beleben.
Neben dem Pelz waren, vor allem in Europa, auch andere Produkte des Bibers begehrt: Sein Fleisch diente in Fastenzeiten als willkommene Bereicherung des Speisezettels (der Biber wurde damals als Fisch betrachtet).
Im Jahr 1867 wurde der letzte Biber in Bayern getötet. Ein knappes Jahrhundert später, 1966 begann der Bund Naturschutz mit der Wiedereinbürgerung des Bibers. Etwa 120 Tiere wurden bis Ende der 70er Jahre an mehreren Stellen ausgesetzt.
In der Zeit zwischen der Ausrottung des Bibers bis zum Beginn der Wiederansiedlung hatte der Mensch die Landschaft tiefgreifend verändert: viele Flüsse waren inzwischen begradigt, Auwälder und Altwässer zerstört und Feuchtgebiete trockengelegt. Die Biber erwiesen sich jedoch als sehr anpassungsfähig und besiedelten auch Bäche und Entwässerungsgräben in der ausgeräumten Agrarlandschaft. So blieben Konflikte mit der Land- und Forstwirtschaft nicht lange aus.
Es fanden sich mehr Biber als ursprünglich angenommen: Der Biberbestand in Bayern beträgt heute etwa 800 - 1200 Tiere in 200 - 250 Ansiedlungen. Die Hauptvorkommen liegen am Inn unterhalb der Salzachmündung und an der Donau zwischen Neustadt/Donau und Donauwörth. In diesem Bereich sind auch die Nebenflüsse weit aufwärts besiedelt.
Es ist zu erwarten, daß der Biber in den nächsten Jahrzehnten wieder die meisten der in Bayern zur Verfügung stehenden Lebensräume besiedeln wird.
Biologie und Lebensweise
Der europäische Biber (Castor Fiber) erreicht eine Länge von bis zu 1,3 m (davon 30 cm für den beschuppten Schwanz) und ein Gewicht bis 30 kg. In freier Wildbahn wird ein Biber durchschnittlich 10, in Ausnahmen bis 17 Jahre alt.
Biber leben in Einehe. In der Regel bewohnen das Elternpaar mit 2 Generationen Jungtieren oft mehrere Burgen oder Erdbaue. Jede Familie besetzt je nach Lebensraumqualität ein Revier, das etwa 1 - 2 km Flußstrecke umfaßt. Die Größe des von einer Biberfamilie genutzten Reviers hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören Gewässerart, Wasserführung, Nahrungsangebot und Familiengröße, Alter des Reviers und Jahreszeit.
Es zeigte sich sehr deutlich, daß der Biber hauptsächlich einen ca. 10 m breiten Streifen an den Ufern nutzt. Weiter entfernte Aktivitäten kommen vor allem vor, wenn bei ungenügendem Nahrungsangebot direkt am Wasser der Biber längere Strecken bis zum nächstgelegenen Acker zurücklegt, oder wenn ein gefällter Baum vom Wasser weg umfällt und vom Biber verarbeitet wird. Im Regelfall nutzt der Biber praktisch einen Uferrandstreifen von maximal 20 m. Weiter entfernt finden sich kaum noch Spuren.
Die Grenzen des Revieres werden mit einem Sekret, dem "Bibergeil" markiert. In einem Revier befinden sich ein oder mehrere Wohnbaue, die in verschiedenen Formen vom Erdbau bis zur klassischen, vollständig von Wasser umgebenen "Biberburg" angelegt sein können. Der Eingang zu den Bauen liegt immer unter dem Wasserspiegel, der Wohnkessel, ein Wohnraum mit einer Größe von bis zu 120 cm Durchmesser und einer Höhe bis zu 60 cm, über Wasser.
Die Paarung erfolgt zwischen Januar und März im Wasser. Nach einer Tragzeit von 105 - 107 Tagen werden bis zu 5, meistens jedoch nur 2 - 3 sehende und behaarte Junge geboren. Sie werden etwa 2 Monate gesäugt. Zu dieser Zeit werden auch die 2jährigen Jungtiere aus dem elterlichen Revier vertrieben. Diese wandern dann bis zu 40 km weit, um sich einen Partner zu suchen und selbst ein Revier zu gründen. Durchschnittlich erreicht jedoch von jedem Wurf nur ein Jungtier die Geschlechtsreife.
Probleme?
Biber sind reine Pflanzenfresser: Im Sommerhalbjahr ernähren sich Biber hauptsächlich von Kräutern, in Gebieten mit landwirtschaftlicher Nutzung kommen dazu noch in geringem Umfang Feldfrüchte wie Mais, Zuckerrüben und Getreide.Fraßschäden durch Biber kommen hauptsächlich an Zuckerrüben und Mais vor.
Eine Einsicht in die Zahlungen, die der Bund Naturschutz in Bayern e.V. in den 80er Jahren im Gebiet Kinding an der Altmühl bezahlte, ergab, daß die Schäden in einer Größenordnung von DM 50,- bis 150,- lagen. Etwa die Hälfte des Betrages waren die Kosten für das Schätzen des Schadens.
Im Herbst und Winter bilden Zweige und Rinde von gefällten Bäumen und Sträuchern die Hauptnahrung. Meist fällt der Biber Weichhölzer wie Weiden oder Pappeln, Kiefern, Fichten, Eichen und Buchen werden in wesentlich geringerem Umfang gefällt.
Wenn die Bäume nicht vorzeitig entfernt werden, nützt sie der Biber in der Regel vollständig. Nachdem die dünnen Zweige und die Rinde gefressen wurden, werden Äste und dünnere Stämme beim Bau und Ausbessern der Burg oder zum Dammbau verwendet. Der Stammdurchmesser der meisten gefällten Bäume liegt zwischen 10 und 30 cm.
Dämme werden von Bibern in Bayern nur in wenigen Revieren angelegt. Dies liegt vermutlich daran, daß durch wasserbauliche Maßnahmen des Menschen bereits eine für den Biber ausreichende Regulierung erfolgt ist, und der Biber Dammbau nicht mehr nötig hat. Biberdämme finden sich daher lediglich in kleineren Bächen und Gräben mit geringer und unregelmäßiger Wasserführung. Meist handelt es sich um Dämme mit wenigen Metern Breite und maximal 50 cm Stauwirkung.
Ein größeres Problem stellt die Grabaktivität des Bibers dar. Seine Röhren reichen oft mehrere Meter ins Ufer. Sie sind in der Regel erst zu entdecken, wenn sie von selbst oder durch Belastung einbrechen.
Heute zeigt sich, daß die Biber mit den durchgestylten Fluren überraschend gut zurechtgekommen sind. Wo es an naturbelassener Landschaft fehlt, bauen sie ihre Burgen und Dämme, kratzen Wohnkammern in das Innere von Hochwasserdeichen und laben sich an Zuckerrüben, Mais und Getreide statt an Auwaldbäumen. Mit der Rückkehr des Bibers hierzulande hatte niemand mehr gerechnet. Doch nun kratzt Castor am vermeintlichem Exklusivrecht des Menschen, die Fluren zu gestalten. Er benimmt sich nicht wie ein bescheidener Gast, sondern liegt Bürgern und Bauern sogar noch auf der Tasche. Und solche Typen schmeißt man am besten raus - nach dem Motto: "Mir ham nix gegen d\\' Biber, aber bei uns ham s\\' nix verloren." Dabei ist der ungeliebte Maxi-Goldhamster für manche Landwirte bare Münze wert. Bis zu 3000 Mark pro Hektar streichen Bauern in Bayern und Schwaben ein, wenn sie einen Ackerstreifen entlang eines Gewässers brachliegen lassen.
Verglichen mit der Pacht für landwirtschaftlichen Grund - sie beträgt nur rund ein Drittel der Summe - ist das eine stattliche Prämie. Und sie wird ausgerechnet jenen Bauern geboten, die einmal mit Pflug und Egge besonders tief in den ökologisch sensiblen Gewässersaum vorgedrugen sind. Damit zeigte sich ein weiteres Mal: Um die wilden Biber kann der Streit eigentlich gar nicht gehen. Sie vermögen auch im schlimmsten Fall das Präzisionswerk unserer Landwirtschaft nicht wesentlich zu stören. Der Mensch hat die Kulturlandschaft nach wie vor fest im Griff.
Aber die moderne Gesellschaft hat einen neuen Weg entdeckt, Biber zu nutzen. Nicht als Opfertiere wie in der Steinzeit, nicht als Pelz-, Fleisch- oder Bibergeilquelle bringen sie Gewinn. Sie eignen sich vielmehr als Symboltiere in der Propaganda für oder wider Naturschutzaktionen - je nach Interessenlage auch bei uns..
Birgit Mayer, Georg Lipp
Lebensraum Schmuttermahd e.V.
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