VON JACQUELINE KACETL
GABLITZ / Christian Felber (38) ist Mitbegründer und Sprecherdes globalisierungskritischen Netzwerks Attac, freier Publizist und Autor. Im Sommer 2010 erschien sein Buch „Gemeinwohlökonomie“, das derzeit ins Französische übersetzt wird.
NÖN: Sie verstehen die Gemeinwohlökonomie als Systemalternative zu Realsozialismus und Kapitalismus. Wie soll das funktionieren?
Felber: „Im Wesentlichen ist es der Vorschlag, die Werte, die im Beziehungs- und Privatleben gelten, auch in der Wirtschaft positiv anzureizen. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was heute der Fall ist. Heute gelten die Systemspielregeln Gewinnstreben und Konkurrenz. Das sind für mich die beiden Todsünden im System, weil damit menschliche Schwächen wie Egoismus, Gier und Rücksichtslosigkeit gefördert werden.“
NÖN: Sie führen Gier und Egoismus also auf einen Systemfehler zurück?
Felber: „Es ist eine Frage der rechtlichen Anreize und der Systemspielregeln. Mit der Menschennatur hat das herzlich wenig zu tun. Heute verhalten sich viele am Markt egoistisch und gierig, weil sie die Gesetze dafür belohnen. Wenn wir statt dessen Kooperation belohnen, können sich Menschen und Unternehmen zwar immer noch egoistisch und rücksichtslos verhalten, aber es erwachsen ihnen daraus keine Vorteile, sondern Nachteile - was das Verhalten entscheidend verändern wird.“
NÖN: Wie soll dieser Wertewandel herbeigeführt werden?
Felber: „Grundsätzlich durch rechtlichen Vorrang und Nachrang. Das Gewinnstreben darf kein Selbstzweck mehr sein, sondern soll zum Beispiel für sinnvolle Investitionen oder als Belohnung für die Mitarbeiter verwendet werden, wenn die Wertschöpfung besonders hoch war. Bestimmte Verwendungen sind dann nicht mehr erlaubt - wie die Ausschüttung von Gewinnen an Personen, die nichts zur Wertschöpfung in einem Unternehmen beigetragen haben. Das ist eine klare Begrenzung des Wertes Gewinnstreben.“
NÖN: Bedeutet das eine Abschaffung oder eine Umwandlung des Kapitalismus?
Felber: „Es ist das ganz ausdrückliche Ziel, den Kapitalismus zu überwinden. Denn der Kapitalismus ist so definiert, dass die Vermehrung des Kapitals der höchste Zweck des Wirtschaftens ist. Alles andere, was den Menschen sehr viel wichtiger ist, wie das Wohl aller, ist nur ein möglicher, aber kein zwingender Nebeneffekt im Kapitalismus. Die Menschlichkeit muss das eigentliche Ziel sein, und das Kapital das Mittel dazu. Der Finanzgewinn soll einen größtmöglichen Beitrag zum Gemeinwohl leisten.“
NÖN: Wie soll das Modell realisiert werden?
Felber: „Wir haben eine Schritt-für-Schritt-Strategie vor. In einem ersten Schritt sollen so viele Unternehmen wie möglich das Modell unterstützen. Heute haben das bereits 130 Unternehmen aus fünf Ländern getan. Der zweite Schritt ist, dass eine Pioniergruppe von Unternehmen die Gemeinwohlbilanz, das Herzstück der Gemeinwohlökonomie, anwenden. Wir planen im nächsten Herbst eine Bilanzveröffentlichung mit 100 Pionierunternehmen. Indem diese Unternehmen sehr große Beiträge zum Gemeinwohl leisten, sollen sie eine Besserbehandlung in Form von geringeren Steuersätzen auf ihre Produkte oder einen geringeren Zolltarif erhalten. So sollte etwa der faire Kaffee weniger Zoll zahlen als der nicht-faire Kaffee.“
NÖN: In Form der sogenannten „Corporate Social Responsibility“ - kurz CSR - setzen immer mehr Unternehmen auf ethisches Verhalten und soziale Verantwortung. Wie beurteilen Sie diesen Ethik-Trend in der Wirtschaft?
Felber: „Von der Zielrichtung her deckt sich das mit den Grundlagen der Gemeinwohlökonomie. Die Unternehmen wollen zeigen, dass es ihnen nicht nur um Geld und den Gewinn geht, sondern auch um sozial verantwortliches Handeln und darum, für die Gemeinschaft etwas zu tun. Allerdings macht das nur Sinn, wenn die Kriterien für alle verbindlich sind und von unabhängiger Stelle kontrolliert werden. Beides ist derzeit bei allen CSR-Instrumenten, die ich kenne, nicht der Fall - obwohl sich das die Mehrheit der CSR-Unternehmen wünschen würden. Und das ist aus meiner Sicht der große Schwindel: Die mächtigen Industrieverbände haben das zwar vorgeschlagen, schauen aber darauf, dass die Kriterien nicht rechtsverbindlich sind.“
NÖN: Welche Auswirkungen hätte die Gemeinwohlökonomie auf die Menschen?
Felber: „Wir erleben derzeit eine extreme Zunahme von Angstkrankheiten und Depressionen. Angst, Burn-Out oder Mobbing sind Symptome von verschärfter Konkurrenz. In einer Gemeinwohlökonomie gäbe es statt dessen ein größeres subjektives Wohlempfinden, mehr Sicherheit, Geborgenheit und ein höheres Selbstwertgefühl. Also alles, was man in Beziehungen erfährt. Dadurch steigt auch die Motivation: Die Menschen leisten mehr, weil sie sich wohler fühlen und der ganze Stress und Leistungsdruck wegfällt.“




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